Das Königreich Trolland
Nina Zarzycka
Das Königreich Trolland
Athena
Gewidmet meinen geliebten Enkelkindern Mateusz, Oliwia, Maximilian und Maja
Liebe ist der Stoff, aus dem wir ganz besondere und schöne Momente machen können.
Man braucht nur zu lieben.
Nina Zarzycka
? Athena Verlag
Werbung Musik- & Film-Produktion
75038 Oberderdingen
1. Auflage 2019
ISBN 978-3-00-058713-9
I.
Der Unfall
iese Geschichte kennen viele, weil sie dabeigewesen sind oder darüber gelesen haben. Es kann also sein, dass ihr schon davon gehört habt.
DAber ihr wisst nicht, was damals wirklich passiert ist, und das will ich euch erzählen.
Matthäus, Max, Olivia und Maja lebten in dem kleinen ruhigen und schön gelege-nen Städtchen Bretten in Baden-Württemberg. So lange sie denken konnten, gab es dort viele wunderbare und spannende Ecken:
Den Markt, über den sich die alten, stilvollen Bürgerhäuser neigten, mehr als zweihundertjährig und mit roten Blumen übersät; die engen Gassen mit den kleinen Geschäften (die die Kinder geradezu anlächelten), wo hinter den Schaufenstern handgemachte Puppen, Plüschtiere, Bauklötze, Eisenbahnen und eine Menge anderer Dinge zu bewundern waren, von denen die Mütter ihren Kindern immer das eine oder andere kauften.
An sonnigen Tagen war der Marktplatz besonders belebt. Auf den Caféterrassen herrschte Stimmengewirr und Frohsinn, und der Duft der Torten, Kuchen, Kekse und der von den Kindern am meisten begehrten Brezeln und Eissorten kitzelte an-genehm in der Nase und lockte zum Betreten der Konditoreien. Über den Marktplatz zogen die Eltern ihre Kinder auf schweren, durch Ketten miteinander verbun-denen Holzhunden auf steinernen Rädern, die quietschend über das Pflaster holperten. Es gehörte nicht wenig Kraft dazu, auf diese Weise vier Kinder durch die Gegend zu ziehen, denen diese Fahrten jedesmal riesige Freude bereiteten. Alle vier kannten nämlich die Geschichte von dem heldenhaften Brettener Hundle auswen-dig, an das die fahrbaren Holzhunde auf dem Marktplatz erinnern sollten.
Bretten, das in den Urkunden zuerst im Jahre 767 als "villa Breteheim" erwähnt wird, besaß im Mittelalter sogar das Recht, Münzen zu prägen, und hatte im 15.
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Jahrhundert vier Märkte. Im Jahr 1504 wandte es erfolgreich eine Belagerung ab, und zur Erinnerung daran wird das Peter-und-Paul-Fest begangen.
Als damals in der belagerten Stadt die Lebensmittelvorräte zuende gingen und keine neuen mehr beschafft werden konnten, hatte einer der Ratsherren einen genialen Einfall. Er schlug vor, mit den letzten Lebensmitteln einen Hund zu mästen und dann vor das Stadttor zu schicken. So geschah es. Die Feinde nahmen beim Anblick des feisten Tieres an, dass die Stadt nicht ausgehungert werden könnte, und zogen ab. Allerdings nicht, ohne zuvor den Hund zu verstümmeln, indem sie ihm den Schwanz abschnitten. Gedruckt erschien die Geschichte vom Brettener Hundle erstmals vor zweihundert Jahren, und 1880 errichteten die Einwohner ihm ein Denkmal. Heutzutage prangt das Hündlein auf Schildern, Wappen, Postkarten, Andenken und Werbetafeln.
Die Kinder hörten so gern vom mutigen Hundle erzählen, dass sie ebenso eifrig die Geschichte ihrer geliebten Heimatstadt kennenlernten, auf die sie sehr stolz waren. Jedes Kind saß auf seinem Holzhund und bestaunte den schönen Marktplatz.
Rings auf kleinen Beeten und in Töpfen blühten allerlei Blumen, deren Geruch sich mit dem Wohlduft der Gaumenfreuden zu einem einzigartigen, nirgendwo sonst an-zutreffenden Duft des Glücks und der Beseligung vermischte.
Den Marktplatz zierten altertümliche Brunnen, bei denen die Kinder viel Zeit verbrachten und einen der Goldfische zu erhaschen versuchten.
Doch es gab in ihrem Städtchen noch etwas ganz Besonderes. Das ganze Jahr über warteten sie darauf. Und zwar ist Bretten bekannt für das alljährlich began-gene mehrtägige Peter-und-Paul-Fest. Es findet immer Ende Juni und Anfang Juli statt und ist eines der größten Volksfeste in Südwestdeutschland.
Die Kinder freuten sich riesig. Für vier Tage verwandelte sich Bretten in eine mittelalterliche Stadt, in der das Leben pulsierte wie vor Jahrhunderten. Weit mehr als hunderttausend Besucher kamen in das kleine Bretten mit seinen nicht einmal vierzigtausend Einwohnern. Die gesamte Innenstadt wurde für den Verkehr ge-sperrt. Nur Fußgänger und... Reiter durften passieren.
Die Brettener legten schöne Gewänder an, die aussahen wie in uralten Zeiten. Da gab es Bauern, Bürger, Kaufleute, Edelleute in vornehmen Gewändern, Handwerker, Soldaten und Ritter. Auch Mönche, Nonnen, Bettler und Narren kamen vor. Hand-werkszünfte bauten ihre Werkstätten auf, Bauern ihre Gehege mit Tieren; kleine Dörfer wurden errichtet; Gasthäuser, Schänken und Wirtschaften boten Speis und Trank feil, die immer noch nach uralten Rezepturen hergestellt werden, und die es nirgendwo sonst zu kaufen gibt.
An vielen Ständen konnte man wunderschöne Andenken kaufen, aber auch Deli-katessen, die man sonst nicht in Geschäften findet. Die Kinder waren ganz versessen auf Fladenbrot, gebratenes Fleisch oder gebrannte Mandeln, die auf die verschieden-ste Weise zubereitet wurden. Am besten schmeckten ihnen natürlich die ganz süßen.
Eröffnet wurden die Festtage von einem farbenfrohen Umzug, an dem Einheimi-sche, Menschen aus anderen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland teilnah-men. Jeder wollte den größten Eindruck hinterlassen, daher wimmelte es von auf-6
wendigen Kostümen und historischem Zubehör. Wagen fuhren vorüber, Vieh wurde umhergeführt, Musikanten spielten alte Musik, Bettler baten um einen Groschen.
Stolz ließen sich die Kinder von ihren Eltern auf hölzernen Wagen umherziehen.
In ihrer Kleidung aus schlichtem Leinen und in einfachen Sandalen nach altem Muster sahen sie aus, als kämen sie aus einer anderen Zeit - obwohl es das Jahr 2011 war. Natürlich durften beim Umzug die Hunde nicht fehlen, die bellend und schwanzwedelnd die Figur ihres sagenhaften Artgenossen begleiteten.
Besonders eindrucksvoll nahmen sich die Ritter zu Pferde in ihren Rüstungen und die Tänzer mit ihren Fahnen aus. Auch Tänzerinnen, Jongleure und Gaukler fehlten nicht. Vor Publikum trugen die Ritter Lanzen- und Schwertkämpfe aus. Die Kinder schauten sich am liebsten die Ritterkämpfe mit echten großen und schweren Schwertern an und beschlossen, auch den Schwertkampf zu lernen, wenn sie nur etwas größer sein würden. Alles war schlicht, einfach und ein wenig ungehobelt, aber über die Maßen schön und lehrreich.
Auf dem Marktplatz fanden allerhand Darbietungen statt, auf die die Kinder ebenfalls das ganze Jahr gewartet hatten. Auf der anderen Seite des Marktes, in modernem Umfeld, lockte ein Spielepark mit Karussells, Autos, Rutschen und anderen Attraktionen.
Es lebte sich gut in Bretten, wo alles - wie man sagen könnte - genau richtig war.
Winters, wenn überall Stürme und Schneetreiben herrschten, wuchsen hier auf dem Rasen Gänseblümchen. Zwar waren die Temperaturen etwas niedriger, aber Schnee gab es gerade so viel, dass die Kinder einen Schneemann bauen und Schlitten fahren konnten, und der richtige Winter mit Schnee und Eis dauerte nur wenige Tage. Sommers boten die Kronen der großen Bäume und der Schatten der Hauswände Schutz vor der brütenden Sonne in der Jahr um Jahr wachsenden Stadt.
Das Leben in Bretten verlief ruhig, aber nicht langweilig, allerdings gemächlich und ohne den Wahnsinn des Großstadtlärms.
Vom Wechsel der Moden und dem Einzug aller möglichen Neuheiten blieb auch diese Stadt nicht verschont. Die jüngere Generation, und nicht nur sie, war entzückt von den immer neuen Entdeckungen der Technik, vor allem der Computertechnik, oder dachte an nichts anderes, als so schnell wie möglich in eine größere Stadt zu entfliehen, oder sie kapselte sich, überwältigt von der Allmacht des Internets, voll-kommen ab von den Menschen und der realen Welt. Und so wurden viele Kinder, die zwischen Smartphone und Schule heranwuchsen und nie mit Gleichaltrigen draußen spielten, immer einsamer und dadurch zu egoistischen und selbstverliebten Menschen, die nur an sich selbst dachten. Die Älteren waren besorgt über diese Veränderungen, doch niemand schenkte ihren Worten Gehör.
Jahr um Jahr gerieten so allmählich die schönen Zeiten in Vergessenheit, als die Menschen sich noch miteinander trafen, unterhielten, einander halfen und sich ge-genseitig unterstützten. Alle wissenschaftlichen Leistungen und Fortschritte sind wertvoll und wichtig, doch die meisten Menschen gingen in ihnen ganz und gar auf und gaben dem echten Leben keinen Raum mehr.
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Eltern bläuten ihren heranwachsenden Kindern ein, das Allerwichtigste im Leben seien die Karriere, das Erreichen einer hohen gesellschaftlichen Stellung und das Anhäufen von Besitz.
Es gab kaum noch Familien, die die Tradition hochhielten und ihren Kindern beibrachten, dass das Höchste im Leben darin besteht, ein guter Mensch zu bleiben, aufrichtig, edel, verantwortungsvoll, empfänglich für das Leid des Nächsten und voller Glauben an den anderen. Nur wenige wussten noch, dass nicht Materielles, sondern Liebe, Glück und das Gefühl der Sicherheit den höchsten Wert besitzen, und dass sich erst auf ihnen eine Zukunft bauen lässt.
Und so eilte das Leben vorwärts, zog ringsumher allzu viel in Mitleidenschaft, und die Menschen konnten nicht einen Augenblick mehr innehalten.
Matthäus, sein Bruder und ihre Cousinen spielten oft im Park, wohin ihre Mütter sie mitnahmen. Karolina und Agnieszka waren Schwestern und mochten einander sehr. Sie sahen sich jeden Tag, so dass ihre Kinder miteinander vertraut und eng verbunden waren.
Die Kinder wurden von ihren Eltern mit großer Liebe und Hingabe erzogen und wuchsen in einem traditionsbewussten guten Hause auf, das ihnen Regeln vermit-telte, ihnen beibrachte, Gut und Böse zu unterscheiden, und Werte für das spätere Leben mitgab. Sie bereiteten ihren Eltern kaum Sorgen, auch wenn sie gern Unsinn anstellten und oft verblüffende Einfälle hatten.
An diesem Frühlingstag spielten Matthäus, Max und Olivia im Park Fangen. Die kleine Maja lernte gerade erst laufen, daher saß sie im Kinderwagen und schaute den Geschwistern zu, wobei sie mit den Ärmchen wedelte und aus der Kinderwagen aufzustehen versuchte; ihre Spielsachen interessierten sie überhaupt nicht.
Die beiden Mütter saßen auf der Bank und ermahnten die Kinder von Zeit zu Zeit, nicht zu weit fortzulaufen, denn auf der Straße am Park wurden Erdarbeiten durchgeführt, weshalb sich dort viele große Baumaschinen befanden. Aber die Kinder wussten, dass sie dort nicht hingehen durften, und hatten es auch gar nicht vor, denn schon der Anblick dieser Maschinen machte ihnen Angst, und noch mehr der Lärm, den sie verursachten. Daher liefen die Kinder nur bis an den Rand des Parkes.
Matthäus sah immer öfter zu Maja hinüber, die an ihrem Spiel lebhaften Anteil nahm. Schließlich ging er zu den beiden Müttern, die auf der Bank saßen, und fragte:
"Kann ich Maja mitnehmen? Die springt ja fast aus dem Wagen, weil ihr unser Spiel so gut gefällt."
"Matthäus", antwortete Matthäus' Mutter, "ich lasse sie extra im Kinderwagen sitzen, damit ihr spielen könnt. Wie willst du denn mit dem Wagen Fangen spielen?"
"Das geht, ich weiß auch schon wie", erwiderte Matthäus, und schon schob er den Kinderwagen in Richtung der beiden Kleinen. So wurden Olivia und Max genannt, zwischen denen nur zwei Wochen Altersunterschied lagen.
Nun rannten die Kinder lachend weiter, alberten herum und hatten großen Spaß dabei. Auf einmal hielt Matthäus an, statt den Kleinen hinterherzujagen, zog den Wagen mit Maja zu sich heran und sah verwundert den Rasen an.
"Max, Olivia, kommt schnell her, guckt mal!" rief er.
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Die Kleinen schenkten seinem Rufen keine Beachtung, weil sie es für eine List hielten, damit er sie besser fangen könnte, aber als sie sahen, dass Matthäus immer noch stehen blieb und irgend etwas anstarrte, kamen sie näher.
Was Matthäus fesselte, war eine seltsame, plötzlich entstandene Vertiefung in der Rasenfläche. Es sah aus wie ein weiches Daunenbett aus Rasen, das wolkenleicht immer tiefer in die Erde einsank.
Da fiel Matthäus der Presslufthammer auf der Straße auf, und er begriff, dass dieser durch seine Erschütterungen dafür sorgte, dass der Rasen absackte. Er blickte zu seiner Mutter und seiner Tante hinüber, die beim Anblick des beunruhigten Jungen aufgesprungen waren und nun die Kinder zu sich riefen.
Instinktiv spürte Matthäus die Gefahr und schrie:
"Max, Olivia, kommt nicht näher, wir müssen weglaufen!"
Doch die ins Spiel vertieften Kleinen verstanden überhaupt nicht, was er meinte, und liefen ihm entgegen.
Matthäus, der sich auf der anderen Seite des rasch wachsenden Lochs befand, wollte um es herumlaufen und die Kleinen aufhalten. Er bog mit dem Kinderwagen ab und rief noch "Lauft weg!", als die Erde schon mit großem Getöse einstürzte und die Kinder in einen dunklen Schlund riss.
Dann trat für einen Moment Mucksmäuschenstille ein, die vom gellenden Ver-zweiflungsschrei der beiden Mütter zerrissen wurde.
Es war alles so schnell gegangen, dass von den Umstehenden niemand eingreifen konnte. Alle waren starr vor Entsetzen.
"Die Kinder", flüsterten sie, "die Kinder sind weg..."
Außer Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Frühlingswindes war nur das Getöse der immer noch einsinkenden Erde zu vernehmen. Dann wurde es still, und als ob die Erde an ihrem Endpunkt angelangt wäre, hörte das Einsinken auf.
Die erschrockenen Mütter riefen nach den Kindern und um Hilfe. Sie stürzten sich in den Krater und gruben mit bloßen Händen in der Erde. Bauarbeiter kamen herbeigerannt, Passanten, und es entstand großer Wirrwarr. Menschen drängten sich um die Einsturzstelle und zogen die Mütter zurück, die wahnsinnig vor Verzweiflung waren. Jemand versuchte, für Ordnung zu sorgen und die Schaulustigen aus dem Gefahrenbereich zu bringen; jemand rief telefonisch Hilfe, andere riefen Freunde und Bekannte an, um ihnen mitzuteilen, was sie mitangesehen hatten. Es herrschte allgemeines Chaos.
Verzweiflung und Ratlosigkeit schwebten über dem großen Erdloch, das die Kinder verschlungen hatte.
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